🧠​​Aprender para Viver

Was wir nicht schreiben dürfen – und trotzdem sagen können

In den letzten Tagen habe ich meinen Lebenslauf (über)bearbeitet.

Nichts Besonderes, oder? Millionen Menschen machen das jeden Tag.

Wäre da nicht ein kleines, interessantes Detail: Dieses Update war nicht nur technisch.

Es war sprachlich. Und — ich würde sogar sagen — moralisch.

Denn wenn man einen Lebenslauf schreibt, ordnet man nicht nur Fakten.
Man lernt — oder verlernt —, was gesagt werden darf.

Und noch feiner: wie man es sagt… damit es nicht stört.

„Das klingt vielleicht zu ideologisch…“
„Diesen Abschnitt könnte man… etwas anpassen.“ „Mit diesem Wort klingst du gleich Kommunist. Lieber wechseln…“

Ja, klar. Und genau da beginnt etwas Merkwürdiges:
Man fängt an, sich selbst zu übersetzen.

„Gerechtigkeit“ wird zu „Entwicklung“.
„Kritik“ wird zu „Analyse“.
„Transformation“ wird zu „Prozess“.

Nichts davon ist wirklich falsch. Aber… ist auch nicht ganz dasselbe.

(Daher frage ich mich:) Ab wann wird Präzision zu Konzession?

— Sei strategisch!, würde jemand empfehlen.
— Oder heißt es: mich selber zu filtern? — in der Illusion von Kontrolle?!

Denn da gibt es ein Sieb, der unsichtbar entscheidet, was durchkommt — und was nicht mal ankommt.

Eigentlich geht es nicht direkt um Kompetenz. Sondern um Lesbarkeit.

Diese Lesbarkeit innerhalb einer Logik, die lieber hat:

neutral statt positioniert.
technisch statt reflektiert.
„sicher“ statt wahr.

Und die — unter dem schönen Argument der „Angemessenheit“ —
nicht nur die Sprache formt…
sondern langsam auch das Selbstbild.

Und dann kommt die nächste Ebene: die sogenannten „persönlichen Daten“.

Nationalität.
Familienstand.
Alter.
Kinder.

Was genau messen diese Daten? Meine Kompetenz? Meine Verfügbarkeit? Meine Zuverlässigkeit?

Oder doch etwas anderes? Denn oft funktioniert es so:

„Lateinamerikanerin — ganz wahrscheinlich temperamentvoll.“
„Heiratet— vielleicht weniger verfügbar.“
„Mit Kindern — vielleicht weniger engagiert.“
„Älter — möglichst unflexibel.“

(Und das Verrückte: Niemand muss das laut sagen.
Das System denkt das schon… von allein.)

Also nein, diese Angaben habe ich nicht gemacht.

Weniger aus performative Rebellion; eher meiner stillen Verweigerung um es zu erlauben, das Berufliche… beruflich zu halten.

Ich weiß, das verändert das System nicht. Es verhindert aber, dass ich viel zu viel eingeordnet werde. Damit öffnet es mindestens einen kleinen Spalt.

Denn selbst dort — wo (fast) alles schon angepasst, kalibriert, gezähmt ist — bleibt ein bisschen Spielraum.

Man kann die Sprache leicht kippen. Nicht genug, um rauszufallen. Aber genug, um erkannt zu werden.

Von denen, die aufmerksam lesen… Oder mit Absicht.

Am Ende ist ein Lebenslauf mehr als eine Präsentation. Sondern eine Verhandlung:

Zwischen dem, was wir sind,
dem, was gesehen werden darf,
und dem, was wir — ganz leise — nicht verschwinden lassen wollen.

Leave a Reply