Anstatt „Wie kann ich arbeiten?“, fragt man sich lieber „Wofür?“

Heute Morgen wachte ich mit einer Nachricht eines Freundes auf. Darin: Die Ankündigung einer Jobmesse in München. Die Absicht war simpel: „Sollen wir es versuchen?“
Meine mentale Reaktion war pragmatisch: „Warum eigentlich nicht?“
Gleich danach ehrlicher: „Weil ich diese Phase vielleicht bereits hinter mir habe.“
Nicht aus Arroganz. Aus den Erfahrungen meiner ersten Jahre hier in Deutschland.
(Meine Antwort-Nachricht blieb also vorerst ausstehend…)
Jobmessen sind eigentlich großartige Gelegenheiten für Menschen, die ihren ersten Job suchen, sich fachlich neu orientieren oder einen neuen Einstieg ins Berufsleben wagen möchten. Mit 20 oder 30 hätte ich sicher selbst enorm davon profitiert.
Mit 46 hat sich die Frage aber verändert.
Ich versuche nicht mehr herauszufinden, wer ich bin.
Ich suche Orte, an denen das, was ich bin, nützlich werden kann. Mit Absicht.
Während dem Frühstuck stolperte ich über eine existenzielle Frage – eine jener Fragen, die mir das NaturalConnected-Projekt immer wieder hilft zu sortieren und zu durchdenken.
Ich beginne nicht von vorn. Auch nicht nach einer neuen Version meiner selbst zu suchen.
Genau genommen wurde ein großer Teil meines Lebens damit verbracht.
- Zu lernen.
- Zu experimentieren.
- Mich anzupassen.
- Neu anzufangen.
Mit 20 studierte ich und versuchte, die Welt zu verstehen.
Mit 30 experimentierte ich mit Wegen, Berufen, Beziehungen und Identitäten.
Mit fast 40 überquerte ich den Atlantischen Ozean und begann noch einmal von vorn.
Wieder studieren, für 7 Jahre Einstiegjobs….
Nichts davon war ein Fehler. Im Gegenteil. Die innere Logik, die damals noch unsichtbar war ist:
Die öffentliche Bank lehrte mich etwas über Geld. Die Mutterschaft lehrte mich Verantwortung. Haus-Gewalterfahrungen lehrten mich über Macht. Die Migration lehrte mich Verletzlichkeit. Die Arbeit mit älteren Menschen lehrte mich Präsenz.
Das Umweltmanagement lehrte mich Zusammenhänge und Wechselwirkungen.
Und die Kritische Theorie lehrt mich bis heute etwas über die unsichtbaren Strukturen, die all das miteinander verbinden.
Zurückblickend, sehe ich mehr als eine Abfolge von Arbeitsstellen.
Ich sehe eine Untersuchung. Jede Etappe beantwortetet eine Frage. Jeder Wechsel entlarvte eine Illusion. Jeder Neuanfang schloss eine weitere Hypothese aus.
Deshalb hat Carl Jung ziemlich Recht mit seinen Wörtern, gerade eben hilfreich für meine Entscheidung:
„Life really does begin at 40. Up until then, you are just doing research.“
Nicht, weil das Leben eben plötzlich am vierzigsten Geburtstag beginnt. Sondern weil es einen Punkt gibt, an dem endloses Experimentieren nicht mehr wie Wachstum wirkt und mehr zum Aufschub wird. Einen Punkt, an dem immer neue Möglichkeiten die Freiheit nicht mehr erweitern, sondern die Unentschlossenheit verlängern.
Deswegen erkenne ich immer deutlicher: Reife hat weniger damit zu tun, herauszufinden, wer wir sind. Sie beginnt dort, wo wir aufhören zu sein, was andere in uns sehen wollen – vor allem in der Arbeitswelt.
Nur dann wurde mir die Frage nach der Jobmesse klar. „Danke, aber nicht. Denn sie geben Antworten auf Fragen, die nicht mehr meine sind…“
Ich muss nicht mehr beweisen, dass ich lernen kann.
Auch nicht mehr erweisen, dass ich auf mich anpassen kann.
Noch muss ich weiter aufzeigen, dass ich überleben kann.
Die entscheidende Frage lautet lieber:
Wo erzeugt meine Energie die Wirkung, die der verbleibenden Lebenszeit würdig ist?
Deshalb fühle ich mich zunehmend zu Stiftungen, Demokratie Bildung, gesellschaftlicher Transformation und Organisationen hingezogen, die Öko-Kulturell regenerativ denken.
Sie sind nicht perfekt. Sind aber bereit, auf die realen Herausforderungen unserer Zeit einzugehen. Also…
Meine Forschung geht weiter. Sie wird immer weitergehen.
Doch ihr Gegenstand hat sich verändert: Ich versuche nicht mehr herauszufinden, wer ich werden soll. Ich lerne zu tragen, wer ich geworden bin.
Nicht mehr Möglichkeiten; mehr Orientierung…
Die erste Hälfte meines Lebens war Forschung. ….Die zweite wird Wirkung.
Learning and sharing is magical… It just doesn’t guarantee financial survival 🤭 Keeping at it has already brought me incredible human connections.